Sachspendenvermittlung zwischen Industrie & NGOs
Bedarf an Produkten im Bereich Hygiene, Pflege und Reinigung

2.250 Tonnen Toiletartikel zu viel? Erste Erhebung in Österreich: Vermeidbare Vernichtung nutzbarer Waren

Schief geklebte Etiketten, Restposten von Marketingaktionen, verschmutzte Verpackungen: es gibt zahlreiche Gründe, warum einwandfreie Waren aus den Regalen genommen und entsorgt werden müssen. Oder es gar nicht dorthin schaffen und stattdessen auf der Deponie landen. Allein im Bereich Hygieneartikel werden österreichweit jährlich bis zu 2.250 Tonnen gebrauchsfähige Produkte vernichtet.  Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Österreichischen Ökologieinstituts. In Auftrag gegeben hat die Studie Die Fairmittlerei – erster Verein Österreichs zur Abfallvermeidung im Non-Food Bereich.

Milliarden Euro landen jährlich auf der Deponie

Die Begrenztheit natürlicher Ressourcen, steigende Rohstoffpreise und negative Auswirkungen unserer verschwenderischen Wirtschaftsweise auf die Umwelt, das Klima, und uns Menschen – all das spricht für mehr Ressourceneffizienz, Weiterverwendung von Produkten und Abfallvermeidung. Letzteres ist auch oberster Grundsatz des österreichischen Abfallwirtschaftsgesetz aus dem Jahr 2002 (AWG 2002, BGBl. I Nr. 70/2017). In Deutschland landen nach Einschätzung der Boston Consulting Group (2010) jährlich Konsumgüter im Wert von mehr als 7 Milliarden Euro auf dem Müll. Ein Drittel dieser Waren im Wert von mehr als 2 Milliarden Euro ist nach den Erhebungen jedoch einwandfrei verwendbar.

Müllaufkommen in Österreich

Während die Abfallmengen im Lebensmittelbereich in Österreich relativ gut dokumentiert sind, so war die Datenlage im Non-Food Bereich bislang spärlich. Das stellte unser Obmann Michael K. Reiter im Jahr 2016 fest. Nach Jahren als Markenmanager kennt er die regelmäßig auftretende Problematik aus erster Hand: „Saisonale Aktionen laufen aus und unverkaufte Ware bleibt übrig. Oder in der Produktion geht eine Kleinigkeit schief und ein paar Hundert Stück werden unansehnlich beklebt. Das ist normal und kaum zu vermeiden.“ Dieser Ausschuss verursacht den Unternehmen Kosten, wie z.B. Lagerfläche, und wird deshalb – meist teuer – vernichtet.

Durch seine Arbeit bei verschiedenen sozialen Organisationen hat Michael die Erfahrung gemacht, dass diese regelmäßig viele solcher „unverkäuflichen“ Waren brauchen. Waschmittel, Seifen, Spülmittel – oft auch in kleinen Mengen, weil die meisten Vereine keinen Lagerplatz für größere Lieferungen wie z.B. eine ganze Palette haben. Unternehmen fehlen jedoch oft die zeitlichen und personellen Ressourcen, um die meist kleinen Mengen an soziale Organisationen zu verteilen. Damit war die Idee für „Die Fairmittlerei“ geboren. „Um sinnvolle Möglichkeiten der Warenweitergabe von der Industrie an NPO‘s anbieten zu können, mussten wir zunächst herausfinden, wie die Produktions- und Abfalllandschaft genau aussieht. Daten dazu gibt es für ausländische Märkte, nicht aber für Österreich. Somit war klar: Wir müssen das selbst erheben.“

Erste Untersuchung: Hygieneartikel – Spendenpotential vs. Bedarf

Mehr als 100 Crowdfunding-UnterstützerInnen und ein Innovationsscheck der FFG (Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft) haben die erste Untersuchung zu dieser Thematik im Jahr 2017 ermöglicht. Für die Durchführung konnte das Österreichische Ökologie-Institut mit dessen Beratungsunternehmen pulswerk gewonnen werden. In der Vergangenheit hat das Institut bereits ähnliche Forschungsprojekte in der Lebensmittelbranche durchgeführt.

Ausschuss an noch verwendbaren Produkten

Für Hygieneartikel, also Körperpflege-, Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel, gibt es im Sozialbereich regelmäßig Bedarf – so die Annahme, weshalb die Studie genau auf diesen Bereich fokussierte. Die Untersuchung ergab, dass jährlich zwischen 950 und 2.250 Tonnen Hygieneartikel als Restposten in der Industrie anfallen bzw. nicht ihrem Verwendungszweck zugeführt werden. Die große Schwankungsbreite erklärt sich dadurch, dass Unternehmen entsprechende Daten nicht veröffentlichen müssen bzw. wollen.

Bedarf an Produkten im Bereich Hygiene, Pflege und Reinigung

Auf der anderen Seite konnte anhand einer Abschätzung mit Hilfe von zugänglichen Kennzahlen die Annahme bestätigt werden, dass Körperpflege, Wasch- und Reinigungsmittel von sozialen Organisationen in großem Umfang nachgefragt werden. Hygieneartikel im Warenwert von rund 6 Mio. Euro werden pro Jahr von im Sozialbereich tätigen NPOs (Non-Profit-Organisation) in ganz Österreich benötigt.

Nachhaltigkeitsmodell der Fairmittlerei

In Österreich existiert somit viel Potential für Produkt-Spenden aus Industrie und Handel. Produkte, die viele soziale Organisationen täglich brauchen. Die Studie hat uns auch gezeigt, dass noch viel Aufklärungsarbeit in der Industrie und Öffentlichkeit vor uns liegt. Denn die Möglichkeit mit etwas vermeintlich „Fehlerhaftem“ Gutes zu tun, wird oft noch nicht gesehen,

Unsere internationalen Vorbilder leisten bei der Warenvermittlung und gesellschaftlichen Aufklärung seit vielen Jahren Großes. Initiativen wie zum Beispiel „In Kind Direct“ in Großbritannien, die mit der Schirmherrschaft des englischen Königshauses eine bedeutende gesellschaftliche Gewichtung erhält. Durch die Vermittlungen von In Kind Direct konnten in den vergangenen Jahren bereits mehr als 21.000 Tonnen Müll vermieden werden und 8.800 NPOs haben davon profitieren.

Damit in Österreich in 20 Jahren auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte zurückgeblickt werden kann, werden wir uns umso mehr dafür einsetzen, dass das Thema Ressourcenschonung und Abfallvermeidung stärker ins öffentliche Bewusstsein rückt und Eingang in den politischen Diskurs findet. Weitere Forschung ist sicherlich notwendig – denn der Bereich Wasch-, Hygiene- und Reinigungsartikel könnte erst die Spitze des Müllberges sein.

Quellen:

http://www.gemeinnuetzig.at/
www.inkinddirect.org
http://www.innatura.org/
http://www.ecology.at/
http://www.pulswerk.at/
https://www.deutschlandinzahlen.de/tab/deutschland/soziales/sozialbudget-sozialausgaben/sozialbudget

Stefan Rüdenauer

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