Das Potential der Kreislaufwirtschaft – im Gespräch mit Manfred Hlina

Zum Abschluss unseres Themenschwerpunkts Circular Economy haben wir Manfred Hlina einige Fragen zum Thema gestellt. Manfred ist Gründungsmitglied der Fairmittlerei und arbeitet hauptberuflich als Designer. Er beschäftigt sich in erster Linie mit strategischen Markenerlebnissen sowie der Konzeption und Gestaltung von Ausstellungen für Unternehmen. Im Interview erzählt er uns, was sein persönlicher Zugang zur Kreislaufwirtschaft sowie seine Motivation dahinter ist. Er gibt konkrete Tipps, die Idee der Kreislaufwirtschaft im Alltag zu implementieren und zeigt uns, wie die Fairmittlerei zu einer zirkulären Wirtschaft beiträgt.

 

Die Fairmittlerei: Was ist Kreislaufwirtschaft für dich und was ist dein persönlicher Zugang dazu?
Manfred Hlina: Für mich bedeutet Kreislaufwirtschaft in erster Linie bewusster zu konsumieren. Ein Beispiel: Ich bin vor einiger Zeit umgezogen. Wer das mal gemacht hat, weiß, dass man dabei unglaublich viel Zeug findet. Ich habe damals festgestellt, dass ich 26 Paar Schuhe habe. Von denen habe ich vielleicht 3-4 regelmäßig getragen. Natürlich waren nicht alle unnötig. Aber mehr als die Hälfte stammte aus Impulskäufen; weil sie schön waren oder weil ich an dem Tag vielleicht einfach etwas kaufen wollte, um mich gut zu fühlen. Manche hatte ich nur 2-3 Mal getragen, weil sie einfach hübscher als bequem waren. Jedes dieser Produkte besteht aus verschiedenen Materialien, die irgendwann hergestellt wurden. Das Leder stammt von Tieren, die jahrelang gefüttert und großgezogen wurden. Der Kunststoff wurde auf Kautschukplantagen gewonnen oder stammt aus raffiniertem Erdöl, die Textilien sind auf Baumwollfeldern gewachsen, sie wurden genäht, geklebt, verpackt, verschifft. Kurz: hinter jedem dieser Produkte steht ein enormer Produktions-, Material- und Energieaufwand. Und das dafür, dass ich sie 3-4 Mal getragen hatte. Das war für mich ein Aha- oder eher ein Oho-Moment.
Was ich damit sagen möchte ist, dass unser Alltag vom unbewussten Konsum gewaltiger Ressourcenmengen geprägt ist. Das betrifft alles: Kleidung, Nahrung, Hygiene, Fortbewegung, Elektrogeräte, Energie und so weiter. Auf Vieles sind wir angewiesen, aber bei Weitem nicht auf alles. Wenn man sich aber nun überlegt, dass wir stetig mehr Menschen auf der Welt werden und das Konsumverhalten entsprechend mitwächst, während damit die Belastungen und Schäden für Klima und Umwelt ebenfalls hochschnellen, dann entstehen hier Konsequenzen, die nicht “wegignoriert” werden können. Deshalb versuche ich mir zu überlegen, wie ich meinen Anteil am Ressourcenverbrauch reduzieren kann.

 

Die Fairmittlerei: Hast du einen Tipp für unsere Leser*innen, wie sie unsere Circular Friday Ideen in den Alltag einbauen können?
Manfred Hlina: Das Einfachste ist zugleich auch das Klassischste: Reparieren oder second-hand, statt neu kaufen. Es gibt zahlreiche Repair Cafés oder Reparierwerkstätten, die alle möglichen Geräte wieder flott machen können. Auch gibt es zahlreiche Handwerker, die, sobald das wieder möglich wird, zu einem nach Hause kommen und zum Beispiel die kaputte Waschmaschine reparieren. Vieles kann man mit etwas Geschick und Geduld vielleicht sogar selbst reparieren. Im Internet findet man unzählige hilfreiche Erklär-Videos.
Ich persönlich habe erst kürzlich das Display meines Handys getauscht. Das Ersatzteil hatte ich online bestellt und der Tausch hat dann etwa zwei Stunden gedauert. Das war mittlerweile schon das dritte Display, das ich getauscht habe – zum Glück war es nicht immer mein Telefon. Mit der letzten Reparatur habe ich mir de facto ein paar hundert Euro gespart, hatte ein tolles Erfolgserlebnis und all die Ressourcen, die in dem Gerät verbaut sind, werden nun weitergenutzt. Das freut mich und fühlt sich gut an. 
Bei Kleidung ist es ähnlich. Lieber bewusster kaufen und vielleicht ein besonderes Stück wählen, statt drei Standardteile zu shoppen. Ich habe zum Beispiel Jeans in einem Laden gekauft, wo die Stücke kostenlos repariert werden, falls sie einmal kaputt gehen. Meine Lieblingsjeans sind gerade dort. Übrigens eine gute Strategie hinsichtlich Kundenbindung. Das Schöne daran ist, dass das Stück mit der Reparatur noch mehr Charakter und Geschichte bekommt. Es wird damit mehr zu etwas Besonderem und bleibt nicht nur ein austauschbarer Gebrauchsgegenstand. Vieles kann man auch selbst reparieren. Ich habe einmal einen Workshop über eine japanische Flicktechnik besucht – super simpel und inspirierend.

 

Die Fairmittlerei: Was ist deine persönliche Motivation, dich für ein umweltbewusstes Wirtschaften einzusetzen?
Manfred Hlina: Mir ist wichtig, etwas zu tun und das Gefühl zu haben, Einfluss nehmen zu können. Ich habe öfter gehört, dass man selbst, als einzelne Person, ja eh nix machen kann oder keinen Einfluss hat. Aber daran glaube ich nicht. Das wäre, wie nicht zur Wahl zu gehen, weil man ja eh nur eine Stimme unter Millionen abgeben kann. Ja, manche Player und manche Maßnahmen haben mehr oder weniger Einfluss auf das Gesamtsystem.
Wichtig ist es, eine kritische Haltung gegenüber dem eigenen Konsum zu pflegen. Das beginnt vielleicht bei der Entscheidung für oder gegen ein neues Paar Schuhe. Wenn das genug Menschen machen und auch aktiv nachfragen, nehmen wir damit jedoch Einfluss auf Verkaufszahlen und Nachfrageerkenntnisse von Unternehmen. Das hat wiederum das Potential, langfristige Entscheidungen über Produktentwicklung und Servicedesign nachhaltig zu beeinflussen.

 

Die Fairmittlerei: Worum geht es der Fairmittlerei mit dem Thema Kreislaufwirtschaft und wie tragen wir dazu bei?
Manfred Hlina: Wir haben mit der Fairmittlerei die Chance, mehrere Baustellen zu bearbeiten. Zum einen ermöglichen wir, Produkte länger oder überhaupt einer sinnvollen Verwendung zuzuführen. Man muss ja immer im Hinterkopf behalten, dass die Produkte, die bei uns landen, schon produziert wurden. Beim Service der Fairmittlerei geht es in erster Linie darum, dafür zu sorgen, dass die Ressourcen und die Energie, die in diese Produkte hineingesteckt wurden, der geplanten Verwendung zugeführt werden. Besonders schön ist dabei, dass ein sozialer Mehrwert geschaffen wird. Durch die Vermittlung an soziale Organisationen können grundlegende oder außergewöhnliche Bedürfnisse bedient werden. Damit wird das Leben mancher Menschen vielleicht ein bisschen einfacher gemacht und sie müssen sich den ein oder anderen Gedanken, wie man dieses und jenes Produkt nun zahlen können soll, vielleicht nicht machen.

 

Die Fairmittlerei: Hast du Empfehlungen für die Zukunft der Kreislaufwirtschaft?
Manfred Hlina: Das Produktleben zu verlängern ist nur der erste Schritt. Im Grunde muss Wiederverwendbarkeit von Bestandteilen, Reparierbarkeit und die einfache, günstige Extraktion von Materialien zum Normalzustand werden. Besonders das Potential diverser Strategien der Kreislaufwirtschaft wird für Unternehmen spannend sein. Hier geht es um Zukunftsmärkte, die, besonders wenn sie jetzt entwickelt und erschlossen werden, enorme Chancen bieten. Hier geht es um neue Prozesse und Strategien zur Ressourcen-Wiedergewinnung und -aufbereitung, neue Materialien und natürlich kluges Produkt- und Servicedesign. Unglaublich viel ist möglich und ich freue mich schon sehr darauf zu sehen, was uns in den kommenden Jahren erwarten wird.

 

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Elvira Moling

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