Interview zum Thema Kreislaufwirtschaft

Die Kreislaufwirtschaft als Fahrplan für zukunftsfähiges Wirtschaften – im Gespräch mit Magnus Fischer

Im Rahmen unseres Themenschwerpunkts Circular Economy hatten wir die Möglichkeit Magnus Fischer einige Fragen zum Thema zu stellen. Er ist selbstständiger Designer und Markenentwickler bei fibra.agency und erzählt uns im Interview von seinem persönlichen Bezug zum Thema Circular Economy und dem Grund seiner Begeisterung dafür. Er zeigt auf, welche Chancen hinter dem zirkulären Ansatz für Unternehmen stecken und gibt konkrete Tipps, die jede*r Einzelne im Alltag umsetzen kann. Auch verrät er uns, welche Rolle für ihn die Fairmittlerei in diesem Prozess spielt.

 

Die Fairmittlerei: Wie bist du auf das Thema Circular Design gestoßen und was begeistert dich daran?

Magnus Fischer: Mit der Circular Economy, im speziellen mit dem Cradle-to-Cradle (C2C) Konzept, als ein wesentlicher Baustein davon, hatte ich bereits während meines Studiums an der FH Salzburg erste Berührungspunkte. Dr. Michael Braungart, einer der beiden Initiatoren von C2C, hielt damals während eines Symposiums eine seiner gewohnt augenöffnenden Keynotes. Im Masterstudium setzten wir uns anschließend anhand eines ganz konkreten Projekts tiefer mit den Auswirkungen einer zirkulären Produktgestaltung auf den klassischen Designprozess auseinander.

Anschließend arbeitete ich ab 2012 sechs Jahre lang in einem Hamburger Designbüro. Schon 2009, damals noch als Praktikant, konnte ich für den Inhaber des Büros den Kontakt zu Michael Braungart und seinem EPEA Institut aufbauen. Er und ein weiterer Mitarbeiter absolvierten später ein Zertifikat zum „Cradle-to-Cradle Design Consultant“. Während meiner Zeit als Angestellter unternahmen wir in wechselnden Konstellationen immer wieder den Versuch, die Philosophie geschlossener Materialkreisläufe in unsere tägliche Arbeit als Designer und Markenentwickler zu integrieren.

Wir Designer haben nach meinem Verständnis eine besondere Schlüsselposition auf dem Weg hin zu einer Circular Economy. Denn ich betrachte die Fähigkeiten emotionalisierende Botschaften zu kreieren und Menschen in ihren angestammten Mustern ernst zu nehmen, als essentiell für die Vermittlung und Umsetzung von Zirkularität. Mich fasziniert, dass ein rational schlüssiges Konzept, wie jenes geschlossener Materialkreisläufe, weniger an der technischen Umsetzbarkeit scheitern könnte, als vielmehr daran, dass bis heute viele den emotionalen Mehrwert und die neuen einzigartigen USPs dahinter nicht erkennen und für sich nutzen können. Deshalb freue ich mich, dass ich mittlerweile als externer Lehrbeauftragter in der Position bin, Studierenden und Menschen aus der Wirtschaft gleichermaßen meinen eigenen ideologischen Zugang zu den Potenzialen zirkulärer Wertschöpfung nahe zu bringen. Als selbstständiger Designer und Markenentwickler darf ich außerdem gelegentlich Kunden begleiten, die diesen Ansatz bereits erfolgreich in ihren Unternehmen leben.

 

Die Fairmittlerei: Welche Chancen siehst du für zirkular agierende Unternehmen?

Magnus Fischer: Die große Chance liegt darin, das ganze als das zu begreifen, was es ist: ein Fahrplan für zukunftsfähiges Wirtschaften. Viele verantwortungsbewusste und langfristig agierende Unternehmer (meist sind es in diesem Fall die Unternehmensinhaber*innen selbst), haben dies bereits erkannt. Allen anderen, speziell den Entscheidern und Entscheiderinnen auf Management-Ebene, würde ich gerne die unglaublichen Profilierungspotenziale vor Augen führen, die in einem ernstgemeinten Streben nach zirkulären Lösungen stecken. Viele Dinge lassen sich ohnehin nicht mehr aufhalten. Die EU hat die wirtschaftlichen Chancen einer Circular Economy schon vor Jahren sehr genau untersucht und treibt seitdem alle Mitgliedsländer stetig dazu an, ihre Performance in diesen Bereichen zu verbessern. Wer also darauf wartet, irgendwann dazu gezwungen zu sein, ein bestimmtes Material nicht mehr einzusetzen oder seine Recyclingquoten zu erhöhen, der verschenkt damit den Wettbewerbsvorteil den ein „first-„ oder „second-mover“ zweifelsfrei für sich beanspruchen könnte. Die Entwicklungskosten mal abgesehen. Aber die treffen wie gesagt irgendwann alle. Ganz aktuell z.B. im Fall von neuen Methoden für das Kunststoffrecycling. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich hier gerade ein unglaubliches Momentum entwickelt und alle nach neuen Methoden und Prozessen suchen.

 

Die Fairmittlerei: Wie ordnest du die Fairmittlerei in die Kreislaufwirtschaft ein?

Magnus Fischer: Ich habe das Glück alle vier Gründer*innen persönlich zu kennen. Deshalb war ich von Beginn an überzeugt, dass sich die Fairmittlerei mittelfristig zu einem wichtigen Akteur entwickeln würde. Michael und ihr alle macht hier einen großartigen Job! Was ich euch vor allem hoch anrechne ist, dass durch euer Social Business Themen wie Überproduktion und Ressourcenverschwendung plakativ in die Wahrnehmung der Menschen in Österreich gelangen. Gleichzeitig unterstützt ihr NGOs und ruft uns allen permanent ins Gedächtnis, dass sich die Herausforderungen eines sozialen Ungleichgewichts nicht von alleine lösen werden.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Aspekte an eurem Modell, die ich speziell im Bezug auf Kreislaufwirtschaft etwas kritischer sehe. Etwa entsteht bei mir als Außenstehender der Eindruck, dass die Unternehmen dadurch euch eine Art „Schlupfloch“ erhalten, mit dem sie sich teilweise aus der moralischen Pflicht stehlen können.

Wo Menschen am Werk sind werden auch Fehler gemacht, und das ist meines Wissens nach einer der Hauptgründe, warum viele Unternehmern immer wieder ganze Chargen and falsch produzierten Produkten „loswerden“ müssen. Dennoch könnte ich Beispiele von Unternehmen nennen in denen die Fehlerquote bei annähernd null liegt, der Umgang mit Ressourcen immer schon ein extrem sorgsamer war und außerdem Systeme geschaffen wurden, in denen unternehmensintern Material wiederverwertet, Refurbishing betrieben oder auf Leasing-Modell gesetzt wird. Deshalb gehe ich davon aus, dass bei den Unternehmen, die über euch Ware absetzen, solche Modelle noch nicht vorhanden sind?

Ich weiß, dass die Ressourcen und Produkte, die ihr „vermittelt“ ohne euer Aktivwerden höchstwahrscheinlich direkt vernichtet würden. Durch die Fairmittlerei wird die „Entsorgung“ also zumindest aufgeschoben und die Produkte lassen sich erst einmal ihrer angestammten Verwendung zuführen. Irgendwann werden sie jedoch ihr „end-of-life“ erreicht haben und da frage ich mich, ob sich die jeweiligen Hersteller an dem Punkt noch einmal in die Pflicht nehmen lassen oder ob sie das „Problem“ bereits dadurch als erledigt betrachten, dass sie ihre Waren an euch abgegeben haben.

 

Die Fairmittlerei: Was wünscht du dir (von unterschiedlichen Akteuren) für eine Kreislaufgesellschaft der Zukunft? Hast du noch ein paar Tipps für unsere Leser*innen, wie man das eigene Leben etwas “zirkularer” gestalten kann?

Magnus Fischer: Die komplexen Zusammenhänge hinter dem Wirtschaftsmodell „Kreislaufwirtschaft“ sind für die einzelnen Konsument*innen eigentlich niemals vollends zu durchschauen. Speziell in Deutschland und Österreich ist die vorhandene Recyclingindustrie grundsätzlich schon sehr gut aufgestellt. Dass die Sammel- und Trennsysteme meist von Kommune zu Kommune unterschiedlich funktionieren, führt am Ende aber zu einer totalen Überforderung des Einzelnen bei der Frage: „Wie trenne ich meinen Müll richtig?“. Die meisten Konsument*innen sind absolut bereit, ihren Anteil zu leisten. Ich sehe für den „großen Wurf“ aber primär die Politik und die Wirtschaft in der Pflicht. Als Designer und Markenentwickler bestehe ich darauf, Menschen in ihren emotionalen Mustern ernst zu nehmen und ihnen Regeln zu schaffen, die sich realistisch in ihren Alltag integrieren lassen. Am Ende sind sie eben nicht die Expert*innen für Materialzusammensetzung, Öko-Bilanzen oder Recyclingfähigkeit und können deshalb die Auswirkungen ihres Handelns nicht vollends in Betracht ziehen. Ganz konkret würde ich mir deshalb wünschen, dass etwa beim Thema Kunststoffverpackung mehr Augenmerk auf die Verbesserung der Rückführungs- und Recyclingsysteme gelegt wird, anstatt (im wahrsten Sinne) zu viel Energie in die Entwicklung von vermeintlich „plastikfreien“ Alternativen zu stecken. Zumal diese häufig nur als Einwegartikel konzipiert sind und speziell im Fall von Einwegglas einen vielfach höheren Emissionsausstoß verursachen als Verpackungen aus Kunststoffen mit nur einem Verwendungszyklus, aber mit guter bis hoher Recyclingfähigkeit.

Mein Rat an alle Leser*innen ist folgender: Konsumverzicht ist mit Sicherheit eine Facette der Lösung. Gleichzeitig ist Konsum etwas zutiefst Menschliches und wird deshalb nie komplett aus unserem Leben verschwinden. Deshalb sollten wir die öffentliche Diskussion stärker auf andere Bereiche und den gesamtwirtschaftlichen Vorteil von Zirkularität lenken. Sobald man für sich selbst das Gefühl hat, dass man als Konsument*in für das Fehlverhalten der Unternehmen einstehen muss oder einem gerade zugemutet wird, ein System zu praktizieren, dass sich kompliziert, falsch oder unmoralisch anfühlt, dann sollte man sich seiner Stimme bewusst werden. Fordert bessere Angebote ein! Die Politik kann dafür die Rahmenbedingungen schaffen und tut es auch, sofern nur der nötige Druck aus der Bevölkerung spürbar ist. Die Wirtschaft passt ihre Angebote ohnehin der jeweiligen Nachfrage an und wird einen Teufel tun, sich nicht an den Wünschen der Verbraucher*innen zu orientieren.

Wenn ihr also das nächste Mal auf ein Produkt oder eine Verpackung trefft, von der euch nicht klar ist, ob sie überhaupt die Fähigkeit zur Rückführung und Verwertung besitzt, dann nehmt euch die Zeit und stellt eine kurze Anfrage an den/die Hersteller*in. Per Email, per WhatsApp, per Nachricht auf Facebook oder wie auch immer. Ihr dürft euch keine sofortige zufriedenstellende Antwort erwarten, aber mit jeder Anfrage dieser Art, wird bei Unternehmen die Erkenntnis wachsen, dass an Circular Economy schon heute kein Weg mehr vorbeiführen darf.

 

 

Zur Person: Magnus Fischer betreut als selbstständiger Designer und Markenentwickler nachhaltige Unternehmen beim Markenaufbau und der Markenpflege. Als Externer Lehrbeauftragter zu ‘Circular Design’ ist er auch an der FH-Salzburg tätig. Hier findest du mehr über ihn und seine Arbeit.

 

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Elvira Moling

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